Theodor J. Reisdorf

Bevor der Ostfrieslandkrimi zum Massenphänomen wurde, gab es Autoren wie Theodor J. Reisdorf. Seine Kriminalromane erschienen in der Allgemeinen Reihe der Bastei Lübbe Taschenbücher, also im klassischen Taschenbuchprogramm, und schon die Titel zeigen, dass hier die Grundmotive des Genres früh besetzt wurden: Todestörn vor Juist, Nebeltod auf Norderney, Tod vor Borkum, Mord in Norddeich. Wer wissen will, wie Ostfriesenkrimis klingen, die das Feld mit bereitet haben, wird bei diesem Namen fündig.

Theodor J. Reisdorf und seine Ostfriesenkrimis zwischen Inseln und Festland

Auffällig ist zunächst die maritime Ausrichtung. Gleich zwei Titel tragen den Törn im Namen, Todestörn vor Juist und Letzter Törn nach Spiekeroog, das Verbrechen spielt sich hier nicht nur an der Küste ab, sondern auf dem Wasser, zwischen Häfen, Booten und den Revieren des Wattenmeers. Das unterscheidet diese Bücher von vielen späteren Vertretern des Genres, die das Meer eher als Kulisse hinter dem Deich nutzen. Dazu kommen die Inselkrimis im engeren Sinn: Nebeltod auf Norderney verbindet die Insel mit ihrem unheimlichsten Wetter, Tod vor Borkum verlegt den Fall in die Gewässer der westlichsten Insel, und der Sammelband Inselmorde bündelt drei Romane auf Juist, Borkum und Baltrum, womit auch die kleinste der ostfriesischen Inseln ihren Kriminalfall bekommt. Mit Norderney, Morderney liegt zudem ein Dreierband vor, dessen Titelwortspiel für sich selbst spricht.

Das Festland ist mit Mord in Norddeich vertreten, dem Hafenort, den jeder kennt, der je zu den Inseln übergesetzt hat, mit Letzte Ausfahrt Ostfriesland, einem Titel von schöner Doppeldeutigkeit zwischen Autobahnschild und Endgültigkeit, und mit Du sollst nicht begehren, einem Kriminalroman aus Ostfriesland, der sein Motiv gleich aus den Zehn Geboten bezieht. Das Begehren, ob es Besitz, Land oder Menschen gilt, ist schließlich der Urgrund der meisten Verbrechen, in einer Region mit alten Höfen und langen Gedächtnissen allemal.

Das Werk im Überblick

  • Inselkrimis: Todestörn vor Juist, Nebeltod auf Norderney, Tod vor Borkum, Letzter Törn nach Spiekeroog
  • Sammelbände: Inselmorde mit drei Romanen auf Juist, Borkum und Baltrum, Norderney, Morderney mit drei Norderney-Krimis
  • Festland: Mord in Norddeich, Letzte Ausfahrt Ostfriesland, Du sollst nicht begehren

Warum sich der Griff zu diesen Bänden lohnt

Für Leser der aktuellen Ostfrieslandkrimis sind Reisdorfs Romane eine reizvolle Zeitreise innerhalb des Genres. Die Schauplätze sind dieselben geblieben, Norddeich, die Inseln, das Wattenmeer, aber der Zugriff ist der einer anderen Buchgeneration: Taschenbuchkrimis aus dem Hause Bastei Lübbe, geschrieben für ein breites Publikum, mit klaren Fällen und ohne die Serienarchitektur heutiger Selfpublishing-Reihen. Die Sammelbände machen den Einstieg dabei besonders einfach, mit den Inselmorden bekommt man gleich drei Inseln in einem Buch, mit Norderney, Morderney die geballte Ladung der Bäderinsel.

Über die Person des Autors macht die Werkliste keine Angaben, also bleibt Biografisches außen vor. Die Bücher selbst ordnen sich klar ein: solide Kriminalromane mit echten ostfriesischen Schauplätzen, vom Fähranleger bis zur Sandbank, geschrieben mit erkennbarem Faible für Seefahrt und Inselwelt. Wer seine Sammlung an Ostfrieslandkrimis um die Schicht vor dem großen Boom ergänzen will, oder wer schlicht wissen möchte, wie auf Baltrum gemordet wird, hat hier die passenden Titel gefunden.

Bücher von Theodor J. Reisdorf