Marlene Menzel

Spiekeroog ist die vielleicht stillste der ostfriesischen Inseln, autofrei, überschaubar, grün, und in den Büchern von Marlene Menzel ein erstaunlich gefährliches Pflaster. Ihre Reihe um Anke Petersen und Reik Büttner umfasst inzwischen mehr als ein Dutzend Bände, alle auf Spiekeroog angesiedelt, alle nach demselben Muster benannt: Inselnebel, Inselhass, Inseltee, Inselgift. Wer Ostfriesenkrimis mit konsequenter Ortsbindung sucht, findet kaum eine Serie, die sich einer einzigen kleinen Insel so verschrieben hat.

Marlene Menzel und ihre Ostfriesenkrimis von Spiekeroog

Die Reihe beginnt mit Inselnebel auf Spiekeroog, und der Auftakttitel ist gut gewählt, denn Nebel gehört zu dieser Insel wie die Dünen: Wenn er über das Watt zieht, schrumpft die ohnehin kleine Welt noch einmal zusammen. Danach entfaltet sich ein Inselleben in Verbrechen: Inselhass und Insellüge stehen für die Konflikte, Inseltee für das Nationalgetränk der Region, Inselkunst und Inselmanege für das Kulturleben bis hin zum Zirkus, Insellauf und Inselrennen für den Sport, Inseldate für die Gefühle, Inselfang für die Fischerei. Mit Inselfrühling und Inselsommer ziehen sogar die Jahreszeiten in die Serie ein, und Inselmord bringt das Genre schließlich auf seinen knappsten Begriff. Diese Titelparade liest sich wie ein Jahreskalender von Spiekeroog, nur dass hinter jedem Termin eine Leiche wartet.

Anke Petersen und Reik Büttner ermitteln: die Reihenfolge (Auswahl)

  • Band 1: Inselnebel auf Spiekeroog
  • Band 2: Inselhass auf Spiekeroog
  • Band 3: Inseltee auf Spiekeroog
  • Band 5: Inselgift auf Spiekeroog
  • Band 8: Inseldate auf Spiekeroog
  • Band 10: Inselfrühling auf Spiekeroog
  • Band 13: Inselfang auf Spiekeroog

Klein, grün, mörderisch: warum Spiekeroog trägt

Man könnte fragen, wie eine Insel dieser Größe dreizehn und mehr Kriminalfälle hergibt. Die Antwort liegt in der Natur des Schauplatzes. Gerade weil Spiekeroog so überschaubar ist, wiegt dort jede Störung schwerer. Es gibt keine Anonymität, keine Fluchtwege, keine Autos, wer etwas zu verbergen hat, muss es vor Menschen verbergen, die ihn täglich sehen. Für ein Ermittlerduo wie Petersen und Büttner bedeutet das eine besondere Arbeitsweise: Die Wahrheit wird hier nicht durch Verfolgungsjagden gefunden, sondern durch Zuhören, durch Kenntnis der Inselverhältnisse, durch das geduldige Auseinandersortieren von Gerücht und Tatsache. Das ist die klassische Stärke des Ostfrieslandkrimis, auf einer autofreien Insel noch einmal konzentriert.

Als Festlandsostfriese, der die Fähre nach Spiekeroog oft genug genommen hat, erkenne ich in den Titelmotiven die Insel wieder: der Tee, der dort so ernst genommen wird wie überall in Ostfriesland, die Läufe und Veranstaltungen, die den Jahreslauf strukturieren, die Kunst, die auf den Inseln traditionell ihre Nischen findet. Eine Serie, die ihre Stoffe so erkennbar aus dem realen Inselleben zieht, statt eine austauschbare Kulisse zu bespielen, hat bei der Stammleserschaft des Genres zu Recht einen Stein im Brett.

Der Einstieg ist dank durchgehender Nummerierung einfach: mit dem Inselnebel beginnen und sich Band für Band durch das Spiekerooger Jahr lesen. Wer die Insel kennt, liest die Reihe als Wiedersehen, wer sie nicht kennt, bekommt Lust auf die Überfahrt, und sollte sich davon nicht abhalten lassen, dass die Mordrate in den Büchern deutlich über dem Inseldurchschnitt liegt.

Bücher von Marlene Menzel