Ella Lorenz

Vier Fälle, eine Insel, eine Ermittlerin: Ella Lorenz hat Norderney zum festen Revier ihrer Reihe um die Insel-Ermittlerin gemacht. Tod auf Norderney, Wut auf Norderney, Angst auf Norderney und Tödliches Parfüm auf Norderney heißen die Bände, und wer Ostfriesenkrimis nach klaren Konzepten sortiert, erkennt hier sofort das Muster: ein Gefühl oder eine Todesart vorn, die Insel hinten, dazwischen die Ermittlerin als roter Faden.

Ella Lorenz und ihre Ostfriesenkrimis um die Insel-Ermittlerin

Die Titelwahl ist aufschlussreicher, als sie auf den ersten Blick wirkt. Tod, Wut und Angst, das sind keine Tatwerkzeuge, sondern Zustände, und zwei von dreien sind Emotionen. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt vom reinen Rätselkrimi hin zur Frage, was Menschen in einer überschaubaren Inselgemeinschaft in solche Zustände treibt. Norderney ist dafür ein ergiebiges Terrain. Das älteste deutsche Nordseebad lebt vom Nebeneinander zweier Welten: der Saisonwelt der Gäste mit Promenade, Kurbetrieb und Strandkörben, und der Ganzjahreswelt der Insulaner, die bleiben, wenn im Herbst die Fähren leerer werden. Wut und Angst entstehen erfahrungsgemäß dort, wo diese Welten sich reiben, um Wohnraum, um Saisonjobs, um das, was hinter geschlossenen Rollläden verhandelt wird.

Der vierte Band fällt aus dem knappen Schema und ist gerade deshalb bemerkenswert: Tödliches Parfüm auf Norderney holt ein präzises Requisit in den Titel. Ein Parfüm als Spur oder Waffe, das verspricht einen Fall, der über Promenadenklischees hinausgeht, ein Verbrechen mit Stil und Hinterlist, angesiedelt in einer Umgebung, in der gepflegte Fassaden zum Geschäftsmodell gehören. Auf einer Insel, deren Kurhäuser und Hotels seit über zweihundert Jahren Wohlhabende anziehen, hat ein solcher Stoff seinen natürlichen Platz.

Die Insel-Ermittlerin: die Fälle im Überblick

  • Tod auf Norderney
  • Wut auf Norderney
  • Angst auf Norderney
  • Tödliches Parfüm auf Norderney

Warum die feste Ortsbindung funktioniert

Reihen mit einem einzigen Schauplatz haben im Genre der Ostfrieslandkrimis einen klaren Vorteil: Vertrautheit. Wer mehrere Bände liest, bewegt sich auf der Insel irgendwann wie ein Stammgast, kennt die Wege zwischen Hafen und Weststrand, weiß, wie sich die Stimmung zwischen Hochsaison und Nebensaison verschiebt. Die Figur der Insel-Ermittlerin verstärkt das noch, denn anders als eine auswärtige Kommissarin, die zum Fall anreist, ist sie Teil des Ortes, mit allem, was das bedeutet: kurze Wege, viel Ortskenntnis, aber auch die Befangenheit derer, die ihre Verdächtigen seit Jahren kennt. Für die Glaubwürdigkeit eines Inselkrimis ist diese Innenperspektive Gold wert.

Als Leser aus der Region schätze ich an solchen kompakten Reihen zudem die Übersichtlichkeit. Vier Bände lassen sich komplett lesen, ohne dass man ein Karteikartensystem für Nebenfiguren braucht, und sie eignen sich als Urlaubslektüre für genau eine Inselwoche, ein Fall pro Regentag, großzügig gerechnet. Über die Autorin selbst macht die Werkliste keine Angaben, und dabei bleibt es hier, Spekulationen helfen niemandem. Die Bücher sprechen für sich: Norderney als Dauerschauplatz, eine Ermittlerin mit Heimvorteil und Titel, die von Tod über Wut und Angst bis zum tödlichen Parfüm eine erkennbare Steigerung ins Raffinierte erzählen. Wer die Insel liebt oder sie über Ostfrieslandkrimis erst kennenlernt, beginnt mit dem Tod auf Norderney und arbeitet sich durch die Gefühlslagen der Insel, die Reihenfolge der Gemütszustände gibt die Reihe praktischerweise selbst vor.

Bücher von Ella Lorenz